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MI | 11.04.2012
Halle der Erinnerung in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Bild: Berthold Werner/wíkipedia.org
GESCHICHTE
Israel ehrt Großarler Pfarrer Linsinger
Der katholische Salzburger Pfarrer Balthasar Linsinger aus Großarl (Pongau) ist Mittwoch im Wiener Parlament von Israels Botschafter Aviv Shir-On posthum als "Gerechter unter den Völkern" geehrt worden.
Halle der Erinnerung in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Schutz und Unterschlupf im Pongau
Linsinger ist der 88. Österreicher, der in die Nationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufgenommen wurde. Von August 1944 bis Mai 1945 hatte der Salzburger Geistliche die vierköpfige jüdische Familie Bäumer bei sich aufgenommen. Sie alle überlebten den Krieg.

Bereits im Jahr 1942 hatte Linsinger der Familie Obdach für den Fall angeboten, dass sie sich in Gefahr wähnen. Als den Bäumers die Information zugespielt wurde, dass sie auf einer Deportationsliste stehen, verließen Valerie und ihre Kinder Michael, Bettina und Angelica überstürzt ihre Salzburger Wohnung und fanden monatelang Unterschlupf bei Pfarrer Linsinger in Großarl.
Tiefgläubiger Bauernsohn: "Gott mehr achten"
Er versteckte die vier nicht, sondern er gab sie als ausgebombte Wiener Familie aus. Angelica Bäumer erinnerte in einer Ansprache an den Charakter Linsinger und die "wahrhaft menschliche Tat" des Priesters, die ihr und ihren Angehörigen das Leben rettete.

Der tiefgläubige Bauernsohn war kein Intellektueller und keineswegs frei von Fehlern, aber eine Respektsperson und echte Autorität im Ort: "Man muss Gott mehr achten als die Menschen" lautete sein Motto, das ihn auch in Konflikt mit der Obrigkeit brachte.

Und zwar sowohl der geistlichen als auch der weltlichen - etwa, als er Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern half. Als echter "Christenmensch" habe er die jüdische Familie nicht missionieren, sondern beschützen wollen.
Halle der Namen in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Bild: David Shankbone/wikipedia.org
Halle der Namen in Yad Vashem zur Erinnerung an Mordopfer der Nationalsozialisten.
Kontakt riss nach Kriegsende nicht ab
"Weltliche Gefahr galt ihm nichts", erzählte Bäumer, die auf Mut und Menschlichkeit des 1902 im Pongau geborenen Pfarrers hinwies. "Wir sind in der Hand Gottes" war er überzeugt. Der Kontakt riss nach Kriegsende nicht ab.

"Oft verbindet auch die nächsten Generationen Retter und Gerettete eine tiefe Freundschaft, selbst Familien aus verschiedenen Ländern finden zu einander", sagte der israelische Botschafter Shir-On.

Es sei bedauerlich, dass die Auszeichnung erst nach dem Tod Linsingers erfolge. Eine posthume Ehrung sei aber "wichtig, auch für die Nachkommen dieser Helden".
Zweite Veranstaltung im Parlament
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) forderte eine "aktive Erinnerungskultur" bezüglich des Holocausts und bedauerte, dass es "einfach so wenig gewesen ist an Mut und Courage". Auf Initiative des israelischen Botschafters fand nun bereits zum zweiten Mal eine derartige Veranstaltung im Hohen Haus statt, was Prammer ausdrücklich begrüßte.

"Ich glaube, hier setzt Österreich ein Zeichen", sagte Shir-On zur APA. Kammerschauspielerin Elisabeth Orth las aus den Aufzeichnungen Angelica Bäumers über jene Zeit.

Die Direktorin des Jüdischen Museums, Danielle Spera, führte durch die Feierstunde. Linsingers Nichte nahm Medaille und Ehrenurkunde stellvertretend für ihren 1986 verstorbenen Onkel entgegen.
Insgesamt fast 24.000 geehrt
Mit dem nach der Staatsgründung 1948 eingeführter Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" zeichnet Israel nichtjüdische Einzelpersonen aus, die während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten.

Bis dato wurden 23.788 Personen insgesamt gewürdigt.
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