Salzburg ORF.at
MI | 11.04.2012
Gedenkfeier zehn Jahre nach der Kaprun-Katastrophe. Bild: APA/Barbara Gindl
CHRONIK
Kaprun: Kritik an Justiz bei Gedenkfeier
Bei der Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag der Tunnelkatastrophe in Kaprun haben Hinterbliebene erneut heftige Kritik an der Justiz geübt. Das Gericht habe nicht einmal versucht, die wahren Ursachen zu ergründen.
Gedenkfeier zehn Jahre nach der Kaprun-Katastrophe. Bild: APA/Barbara Gindl
Prozess weiter international im Kreuzfeuer
Vor allem war die Feier bei der Gedenkstätte in Kaprun am Donnerstagvormittag ein stilles Gedenken.

Für Hinterbliebene der 155 Toten war sie auch Gelegenheit, heftige Kritik an der österreichischen Justiz zu üben, die international wegen des Kaprun-Prozesses auch immer wieder im Kreuzfeuer von Medienberichten steht.

Sprecher der Hinterbliebenen richteten schwere Vorwürfe gegen das Gerichts- und Rechtssystem der Republik - in Anwesenheit von Bundeskanzler Werner Faymann, Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (beide SPÖ), anderen Funktionsträgern aus Politik, Wirtschaft und Kultur sowie Hunderten anderen Trauergästen.
Gedenkfeier zehn Jahre nach der Kaprun-Katastrophe. Bild: APA/Barbara Gindl
Kruzifix auf Bergesgipfel. Bild: Gerald Lehner / bergrettung.at Kritik auch von Theologin Müller
Werner Kirnbauer aus dem Burgenland hat bei der Katastrophe seinen Sohn verloren:

"Wir wurden von der österreichischen Justiz zutiefst enttäuscht. Das Gericht hat nicht einmal versucht, die wahren Ursachen dieses Infernos zu ergründen. Die Schadensbegrenzung für den österreichischen Fremdenverkehr war wichtiger als 155 Todesopfer und Hunderte verzweifelte Angehörige und Freunde der Toten."

Auch die evangelische Superintendentin von Salzburg und Tirol, Luise Müller, nahm die Justiz kritisch unter die Lupe. Die Theologin hat bei der Katastrophe Freunde verloren.

Die Politiker hielten nur kurze Reden. Bundeskanzler Faymann warnte vor dem Sparen bei der "Sicherheit".
Gedenkfeier zehn Jahre nach der Kaprun-Katastrophe. Bild: APA/Barbara Gindl
Angehörige von Opfern
Fahrende Seilbahn: Trauernde ärgern sich
Gleich neben der Trauergemeinde blieb die neue Seilbahn auf das Kitzsteinhorn während der Gedenkfeier in Betrieb. Das sorgte bei einigen Angehörigen für Ärger.

Auch während der Trauerfeier gehe in Kaprun das Geldverdienen weiter, sagte eine Frau. Klar ist, auch zehn Jahre nach der Katastrophe sind die Leiden noch längst nicht überstanden, viele Betroffene spüren große Bitterkeit über die Vorgänge im Tal und bei der österreichischen Justiz.

Der Tag sei besonders schwer, sagte Maria Lausch, die ihren Ehemann verloren hat: "Ich habe geglaubt, ich schaffe das besser. Aber ich bin sehr traurig. Leider ist auch das Wetter danach. Viele weinen, und es ist der erste Jahrestag, an dem es regnet."
Matthias Kirnbauer (Bild: ORF)
Der beim Brand der Gletscherbahn getötete Matthias Kirnbauer
Gletscherbahnen bitten um Verzeihung
Deutlich spürbar war die Betroffenheit auch bei Vertretern der Gletscherbahnen Kaprun. Betriebsleiter Günther Brennsteiner suchte die Gedenkstätte auf und ging Hinterbliebenen nicht aus dem Weg, sondern stellte sich dem persönlichen Gespräch.

Mit erstickter Stimme sagte er: "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, ich möchte aufrichtig um Verzeihung bitten."

Das tragische Ereignis gehöre nun zu seinem Leben, aber er wolle mit seinem Tun und Wirken und gemeinsam mit dem Unternehmen alles tun, "dass nie mehr etwas so Schreckliches passiert". Auch Geschäftsführer Peter Präauer nahm an der Gedenkveranstaltung teil.
Kaprun-Unglück, abgebranntes Seilbahnwrack (Bild: ORF) Angehörige, Politiker, Botschafter, Diplomaten
Nur zwölf Fahrgäste der Gletscherbahn hatten das Inferno am 11. November des Jahres 2000 überlebt.

Donnerstag um 9.00 Uhr hatte die Feier bei der Gedenkstätte begonnen - mit Blickkontakt zur Rampe des Unglückstunnels. Norbert Karlsböck, Kapruner Bürgermeister (SPÖ): "Der heutige ist ein besonderer Tag. Zehn Jahre nach dem Ereignis berührt das unsere Gemeinde in besonderer Weise."

Aus den Herkunftsländern der 155 Opfer sind Botschafter und Diplomaten anwesend. Hunderte Menschen sind angereist, Angehörige, Freunde der Toten. Karlsböck: "Das Unglück hat eine Schicksalsgemeinschaft gebildet, der man sich auch nach zehn Jahren nicht entziehen kann und will."
Mutter am Grab (Bild: ORF)
Martha Jindra am Grab ihrer Tochter.
Kriseninterventionsteam stand bereit
Im Anschluss an die Gedenkreden feierten Angehörige, Überlebende, Mitglieder der Einsatzorganisationen und Mitarbeiter der Gletscherbahnen einen Ökumenischen Gottesdienst.

Auch Kapruner waren dabei, zum Beispiel die Hotelbetreiberin Margit Renz: "Das wird immer mit uns sein. Wir sind solidarisch für alle. Es gab auch einige Opfer aus Kaprun. Dass wir dabei sind, das ist ganz wichtig auch für unsere Freunde, damit wir ihnen bezeugen können, wie wir mit ihnen mitfühlen."

Das Rote Kreuz richtete ein Versorgungszelt mit Tee und Decken ein - auch als Rückzugsraum für Angehörige. Ein Kriseninterventionsteam ist ebenfalls in Kaprun.
Ausgebrannter Zug der Standseilbahn Kaprun (Bild: APA) burgenland.ORF.at; 11.11.10
Heute jährt sich die Brandkatastrophe von Kaprun zum 10. Mal. 155 Menschen, darunter acht Burgenländer, kamen bei dem Unglück ums Leben. Die Angehörigen beklagen, dass bisher niemand die Verantwortung übernommen hat.
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