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MI | 11.04.2012
Anton Muhr (Bild: APA/Schweinöster)
JUSTIZ
Kaprun-Prozess "korrupte Machenschaft"
Schwere Vorwürfe gegen des Verlaufs des Kaprun-Strafprozesses erhebt jetzt der ehemalige Brandsachverständige Anton Muhr. Für ihn kommt der Prozess laut APA einer "korrupten Machenschaft" gleich.
Heizlüfter "tickende Zeitbombe"
Muhr war der erste Hauptgutachter in dem Prozess nach der Brandkatastrophe in der Gletscherbahn Kaprun, bei der am 11. November 2000 155 Menschen starben. Brandursache war für ihn der im Führerhaus eingebaute Heizlüfter, an dem sich Hydrauliköl entzündete.

Diese Heizlüfter waren "in Kombination mit anliegenden undichten Hydraulikölleitungen am Heizlüftergehäuse eine tickende Zeitbombe", sagt Muhr jetzt im APA-Gespräch.
Bei Untersuchung des Heizlüfters aus der zweiten Gletscherbahn-Garnitur.
Öl entdeckt, im Prozess dementiert
Als er und Sachverständigen Helmut Prader den Heizlüfter zerlegten, habe Prader bei der Abnahme der Vorderwand Hydauliköl entdeckt, schildert Muhr. Bei dem Strafprozess habe Prader aber nichts mehr davon wissen wollen.

Auch ein Angestellter der Gletscherbahnen Kaprun habe im Prozess angegeben, dass er beim Ausbau des Heizlüfters aus dem Vergleichszug kein Öl gesehen habe, schildert Muhr.

Dabei zeige die Fotodokumentation der Kriminaltechniker von dem Ausbau deutlich Ölspuren. Auch gegenüber der Staatsanwaltschaft Heilbronn habe der Angestellte der Gletscherbahnen angegeben, dass Hydraulikölspuren bei dem Ausbau zu sehen waren.
Öl auf Holzverbau nie untersucht
Auch bei den Lärchenholzbrettern, mit denen der Heizlüfter im Führerstand des Gletscherbahn verbaut war, sei nie eine Wischprobe abgenommen worden. Deshalb sei auch die Identität des Hydrauliköls nie untersucht worden, bemängelt Muhr.
Ex-Gutachter: "Bin mir vorgekommen wie ein Angeklagter."
Massiver Druck auf Sachverständigen
Bei dem Prozess selbst sei er von den Verteidigern der Angeklagten immer wieder mit Anschuldigungen und Befangenheitsanträgen eingedeckt worden, schildert Muhr: "Ich bin mir vorgekommen wie ein Angeklagter und nicht wie ein anerkannter Brandsachverständiger."

Auch Staatsanwältin Eva Danninger-Soriat sei "arm" gewesen, "technisch unversiert" und "ganz allein gegen eine Phalanx von Gutachtern und Rechtsanwälten".
Aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden
Auf Grund der Vorwürfe habe er selbst an sich zu zweifeln begonnen, schildert Muhr. Er wich aber von seinem Gutachten nicht ab. Sein Arzt habe ihm dann empfohlen, nicht mehr am Prozess teilzunehmen.

Auch eine Untersuchung des Gerichts ergab, dass Muhr aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an dem Prozess teilnehmen kann. Er ist seit sechs Jahren offiziell in Pension.
Muhr: Keine Materialfehler im Lüfter
Aus sachverständiger Sicht von Muhr handelt es sich beim Heizlüfter keinesfalls - so wie im Urteil angeführt - um Konstruktions-, Produktions- und Materialfehler. Erstens hätte der Heizlüfter, der eindeutig für den Hausgebrauch bestimmt ist und nicht für den Einbau in ein Fahrzeug und schon überhaupt nicht in eine Standseilbahn (war laut Gebrauchsanweisung nur für den Hausgebrauch bestimmt).

Zweitens habe die Entzündung des Hydrauliköls nur in Verbindung mit einem heißen Heizlüfter entstehen können, wodurch der entwickelte Brand durch das brennbare Kunststoffmaterial begünstigt wurde, stellte Muhr in seinem 72-seitigen Gutachten fest, in dem er die Ursache des Flammeninfernos darzustellen versuchte.
Um Neuaufnahme des Strafverfahrens.
Deutscher Sachverständiger kämpft weiter
Dass der deutsche Sachverständige Hans-Joachim Keim zu demselben Schluss wie er gekommen ist, macht Muhr "froh" - "So kommt es wahrscheinlich zu einer Gerechtigkeit". Keim hatte im Zuge der Anzeige der Gletscherbahnen Kaprun gegen den Heizlüfterhersteller Fakir die Sachlage untersucht.

Der deutsche Sachverständige will das Strafverfahren in Österreich auch neu aufrollen - wobei er an der österreichischen Justiz aber vorerst gescheitert ist.
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