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MI | 11.04.2012
Helmut Kramer, Rektor Donau-Uni Krems (Bild:APA)
WIRTSCHAFT
Experte: Österreich ignoriert Wirtschaftskrise
Kein gutes Zeugnis bekommen Verantwortliche in Politik und Wirtschaft vom Ökonomen Helmut Kramer, dem ehemaligen Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO). Trotz Krise wolle man in Österreich so weitermachen wie bisher.
Zweiter Finanzcrash möglich
Helmut Kramer hielt Mittwochnachmittag bei seinem Vortrag an der Fachhochschule Salzburg einen zweiten Finanzcrash für nicht ausgeschlossen. Das sagte er bei der Podiumsdiskussion zum Thema "Marktwirtschaft für Menschen".

Rein wirtschaftlich lasse sich die Krise nicht bewältigen, ist Kramer überzeugt. Möglich sei es nur durch einen Gesinnungswandel, weg von der Wohlstands-Euphorie.
"Diskussion über Zukunft wird nicht geführt"
Doch in Österreich würden wir am liebsten so weitermachen wie bisher, kritisiert der Wirtschaftsexperte.

"In Österreich wird die Diskussion darüber, wo dieses Land in fünf oder zehn Jahren sein möchte oder könnte, überhaupt nicht geführt. Ich habe den dunklen Eindruck, dass eine große Mehrheit auf die Frage: wohin wollen wir denn kommen?, die Antwort geben möchte: wir wollen gar nirgends hin, wir wollen nur, dass es so bleibt, wie es ist. Und das wird sicher nicht passieren", so Kramer.
"Die Lehrpläne müssen sich mit aktuellen Entwicklungen befassen."
Lehrpläne in Schulen ändern
Für ein Umdenken setzt Helmut Kramer auf die Bildung und fordert mehr lebensnahe Lehrpläne in der Schule.

"Ich habe sehr oft Diskussionen mit jungen Leuten, die fragen: 'In unserer Schule hört man gar nichts. Da gibt es eine Finanzkrise, was ist das?' Oder: 'Ich weiß, dass ich in Zukunft sicher keine Pension bekommen werde. Ich weiß, dass ich auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen habe.'", erzählt Kramer.

"Aber warum soll sich ein junger Mensch damit zufrieden geben, dass er sehr dubiose Aussichten hat. Warum gibt man ihm nicht Ziele vor und erläutert ihm die Zusammenhänge? Ich glaube, dass man in den Lehrplänen wirklich aktuelle Entwicklungen analysieren sollte", fordert der Wirtschaftsexperte.
"Krise ist noch nicht überwunden"
Kramer hält die aktuelle Wirtschaftskrise noch nicht für ausgestanden: "Mir ist mulmig. Die gegenwärtige Krise ist nicht überwunden. Sie wurde abgefangen, in dem man sehr viel Liquidität in das Finanzsystem gepumpt hat. Die ist noch drin und hat zu neuen Blasen geführt. Der Unterschied ist nur, im Moment würde das Platzen einer Blase nicht mehr so ohne weiteres von Staatsfinanzen aufgefangen werden können."

Den Politikern wirft Kramer vor, dass sie aus Rücksicht auf Wähler-Interessen, den Menschen die Wahrheit nicht zumuten wollen.
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