Salzburg ORF.at
MI | 11.04.2012
Otto Habsburg signiert Bücher. Bild: Gerald Lehner
GESPRÄCH IN SALZBURG
Habsburg verteidigt Rede im Nationalrat
Er habe "aus Höflichkeit gegenüber Festgästen einiges verschwiegen": Bei einem Besuch in Salzburg verteidigte Otto Habsburg, Sohn des letzten Kaisers, seine umstrittenen Aussagen im Nationalrat über 1938 und Österreich als "Opfer".
Der Salzburger Historiker Ernst Hanisch hielt Habsburgs Opfer-These auf dem Podium entgegen, dass vor der Machtübernahme der Nazis vor und während des Einmarsches schon alle Landesregierungen Österreichs in der Hand illegaler österreichischer Nationalsozialisten gewesen seien.

Hanisch sieht darin einen wichtigen Hinweis, dass die Betonung einer Opferrolle Österreichs - wie von Habsburg oft geäußert - nicht gerade durch die eindeutig dokumentierbaren Vorgänge jener Zeit gestützt wird.
Gegen Hitler vom Westen im Stich gelassen
In der Rede Habsburgs - die er vor einigen Wochen im Parlament zu Wien gehalten hatte - ging es um die aus Habsburgs Sicht zu Recht vorhandene Opferrolle Österreichs, als die Republik im Frühling 1938 von den Nationalsozialisten endgültig zerstört und das Land an das "Dritte Reich" in Deutschland "angeschlossen" wurde. Habsburg sieht Österreich in dieser Phase seiner Geschichte - wie viele Betroffene und Gegner Hitlers seiner Generation - als von den Westmächten gegen den Nationalsozialismus im Stich gelassen.

Zu dem jüngsten Besuch in Salzburg eingeladen hat den 95-jährigen Zeitzeugen die Wilfried-Haslauer-Bibliothek, eine wissenschaftliche Einrichtung der Salzburger ÖVP. Den Einführungsvortrag zum Podiumsgespräch im Stieglbräu in der Rainerstraße hielt der Historiker und Alt-Landeshauptmann Franz Schausberger, der den Gast den Abend über mit "Kaiserliche Hoheit" anredete.

Auf dem Podium diskutierten die Historiker Robert Kriechbaumer und Ernst Hanisch mit Habsburg, der viele Zuhörer durch sein Charisma begeisterte.
Otto Habsburg signiert Bücher. Bild: Gerald Lehner
Otto Habsburg signiert Bücher und Postkarten im Salzburger Stieglbräu für viele seiner Fans; links seine Enkelin, die den Betagten und Rüstigen auf seinen nach wie vor vielen Reisen begleitet. Bild: Gerald Lehner.
"Okkupation im Sinn der Londoner Regierung"
Er habe seinen heftig umstrittenen Vortrag im österreichischen Nationalrat bewusst nicht genau vorbereitet, weil er ihn besonders lebendig halten wollte, erläuterte Otto Habsburg in Salzburg:

"Es war auch beeinflusst durch die Tatsache, dass sehr viele ausländische Gäste im Parlament waren und zuhörten. Man soll ja das eigene Land gewöhnlich vor Ausländern nicht heruntermachen. Daher habe ich einiges verschwiegen, was ich ursprünglich eigentlich in meiner Rede sagen wollte. Es wären auch Namen genannt worden."
Kein Ruhmesblatt für britische Geschichte?
Bei der Betrachtung von 1938 werde in Österreich die diplomatische Vorgeschichte zuwenig gesehen, findet der hochbetagte und geistig noch immer äußerst rüstige Zeitzeuge. So habe damals Großbritannien ein großes Interesse daran gehabt, die offensichtliche Aggression und Kriegsvorbereitung Hitlers gegen den kommunistischen Osten zu richten.

Durch ein rigoroses Abrüstungsprogramm nach dem Ersten Weltkrieg und die Appeasement-Politik hätten sich die britischen Inseln nämlich zu diesem Zeitpunkt nicht verteidigen können. Habsburg verweist dabei auf entsprechende Berichte des britischen Generalstabes und des Parlamentes in London, die man heute nachlesen könne.
Österreich als Pufferzone gegen Osten
Daher sei die Okkupation Österreichs durch die Nazis damals im Sinn der Londoner Regierung gewesen, als Pufferzone gegen Osten:

"Der Herzog von Windsor, früherer König von England, war ein großer Sympathisant von Hitler. Er wurde damals zu Göring geschickt mit der Bitte: `Wann schlagt ihr endlich gegen Österreich zu?`Das war damals die Realität der Lage. Und ich hatte damals eigentlich im Nationalrat die Absicht, das direkt zu erwähnen. Aber nachdem ich direkt den britischen Botschafter vor mir sitzen hatte und einige andere Briten, wollte ich nicht so weit gehen."
"Von Westmächten im Stich gelassen"
Für seine Ansicht, Österreich als Staat sei 1938 ein von den Westmächten im Stich gelassenes Opfer und kein Täter gewesen , lasse er sich gerne kritisieren, betont Habsburg. Er sei froh über jede Diskussion zu diesem Thema; und über gegensätzliche Meinungen:

"Ich bin nie einer lebhaften Diskussion ausgewichen. Ich habe auch mit Leuten der radikalen Linken immer gesprochen, wissen Sie. Ich habe in meinem langen Leben auch Fidel Castro und Che Guevara kennengelernt und mit ihnen diskutiert", sagte Habsburg in Salzburg: "Wenn man selbst von Argumenten überzeugt ist, warum sollte man vor dem Austausch mit anderen Angst haben, die völlig anders denken?"

"Er begeistert durch großen Esprit auch Zuhörer, die politisch überhaupt nicht seiner Meinung sind", sagte ein Wissenschafter der Salzburger Universität, der im Publikum saß: "Ein bisschen mehr Kritik an der Rolle seiner Vorfahren im 19. Jahrhundert sowie vor und während des Ersten Weltkrieges hätte den hochinteressanten Statements Habsburgs noch gut getan."
Egon Ranshofen-Wertheimer, Mitbegründer der UNO. Bild: Archiv Gerald Lehner
Ranshofen-Wertheimer
Herbst 2007, Blicke ins Archiv
50 Jahre nach seinem Tod erinnert man sich bei den Zeitgeschichte-Tagen in Braunau am Inn an diesen vergessenen Österreicher, der in den USA während des Zweiten Weltkrieges großen Einfluss hatte - einen Kampfgefährten von Otto Habsburg im amerikanischen Exil. Der UNO-Mitbegründer, Diplomat und Sozialdemokrat Egon Ranshofen-Wertheimer hatte Wurzeln auch in Salzburg.
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