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MI | 11.04.2012
Christoph Schlingensief. Bild: APA
"WAGNER MIT MOZART KREUZEN"
Gespräch mit Christoph Schlingensief
Seit Samstag ist Schlingensiefs schräge Installation zum Mozartjahr "Chickenballs. Der Hodenpark" im Salzburger Museum der Moderne geöffnet. Der Künstler will damit "den Gral auch für Mozart öffnen".
Das Gespräch führte Christoph Lindenbauer, Kulturjournalist der Austria Presse Agentur (APA)
APA:
Herr Schlingensief, vor knapp zehn Jahren hat Sie der damalige Salzburger Bürgermeister Josef Dechant (ÖVP) förmlich aus der Stadt geworfen, jetzt, nach Ihren Erfolgen in Bayreuth bei den Wagner Festspielen kommen Sie als Vertreter einer Hochkultur nach Salzburg zurück. Fühlen Sie Triumph?
Schlingensief:
"Bin ich wirklich rausgeflogen? Nein, ich kann mich wirklich kaum noch an diese Geschichte erinnern.

Lustiger war jedenfalls die politische Aktion, in der ich mit Hilfe der deutschen Obdach- und Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen bringen wollte, damit Helmut Kohls Häuschen am Wasser weggeschwemmt wird.

Damals habe ich wirklich geglaubt, dass man Benachteiligten eine gewichtige Stimme geben kann. Das hat nicht geklappt, aber dafür bin ich schneller geworden."
APA:
Arbeiten und denken Sie heute anders als damals?
Schlingensief:
"Ich bin ruhiger und schärfer geworden, der Parsifal in Bayreuth war der Wendepunkt. Da hab ich mir Wagners Grals-Mystik in ihrer verwirrten deutschen Tiefe zu Eigen gemacht und jetzt möchte ich Wagner mit Mozart kreuzen, wodurch der Gral auch für Mozart geöffnet wäre.

Genau das ist es auch, was ich in meinem aktuellen Animatographen "Chickenballs. Der Hodenpark" versuche. Ich führe Film, Theater, Aktion und Oper zusammen.

Dadurch wird der Raum zur Zeit und der Mozart, der ja ähnlich wie Wagner ein Sexist vor dem Herrn war und gewaltig zugelangt hat, von seinem Zuckerguss befreit. Wagner ist der Gral und Mozart ist der Hodensack in dem es juckt."
APA:
Treibt Sie dabei nicht auch die Lust an Provokation?
Schlingensief:
"Lust schon, aber nicht an Provokation, sondern am Kratzen an der Oberfläche und am Attackieren der Pseudo-Leichtigkeit.

Schließlich habt Ihr eine Präsidentin namens Gabl-Stapler, die mich nicht einmal hier im Museum in Ruhe arbeiten ließ, weil sie unbedingt eine Trachten-Schau präsentieren musste.

Also wirklich, in Salzburg hat sich wenig geändert, ich fühle mich latent unangenehm hier."
APA:
Sie können der Stadt also gar nichts Gutes abgewinnen?
Schlingensief:
"Doch, sie ist das Zentrum des Mozart-Kultes. Und den möchte ich erweitern.

Ich würde hier gerne eine Mozart-Oper inszenieren und meinem Bayreuther Wagner gegenüberstellen."
"Chickenballs. Der Hodenpark" von Schlingensief. Bild: APA Eröffnung der neuen Installation
Die Katze ist aus dem Sack: Christoph Schlingensiefs Animatograf Nummer sechs steht seit Samstagvormittag im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg in Salzburg. Titel: "Chickenballs. Der Hodenpark".
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