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MI | 11.04.2012
Postalmklamm-Klettersteig, Einstieg. Bild: bergsteigen.at
NACH TODESSTURZ
Heftige Kritik an Klettersteig-Boom
Nach dem tödlichen Unfall bei Strobl (Flachgau) kritisieren Bergführer den Boom bei Klettersteigen. Viele seien zu gefährlich; und fast jede Gemeinde errichte aus touristischen Gründen solche Steige.
Unterschied zum Felsklettern
Die Begehung von Klettersteigen unterscheidet sich grundlegend vom Felsklettern, sei es in Klettergärten beim Sportklettern oder beim alpinen Felsklettern im Hochgebirge. Für beide Disziplinen ist erstklassige körperliche Vorbereitung nötig.

Die Begehung von Klettersteigen ist auf Grund technischer Hilfsmittel auch für Laien möglich.
Sicherung durch spezielles "Set"
Klettersteige sind durch Stahlseile, Stahlstifte, stählerne Tritt- und/oder Steigleitern gesicherte Routen. Begeher sichern sich durch jeweils ein so genanntes Klettersteigset, das im Sporthandel erhältlich ist.

Es besteht aus zwei relativ kurzen Seilstücken, die an Sitz- und Brustgurt befestigt sind. Über deren Karabiner hängt man sich in vorhandene Stahlseile entlang der Route ein. Durch diese Technik gelangen auch Alpinisten in extremes Gelände, die keine Fähigkeiten zur Fortbewegung ohne technische Hilfsmittel haben.
"Unfälle für Laien oft vorprogrammiert"
Unfälle seien bei vielen neuen Klettersteigen für Laien fast vorprogrammiert, sagen nun Bergführer. Die künstlichen Routen würden immer extremer.
Postalmklamm-Klettersteig. Bild: bergsteigen.at
"Äußerst spektakuläre Attraktionen"
Der Klettersteig Postalmklamm in Strobl wurde erst vor zwei Wochen eröffnet - mit "äußerst spektakulären Attraktionen", kritisiert Günther Karnutsch vom Verband der Salzburger Bergführer.
"Konkurrenz wirkt sich aus"
"Wenn man heute neue Gäste mit einem Klettersteig anziehen will, dann muss es immer stärkere Attraktionen geben. Das ist eine Spirale der Konkurrenz zwischen Tourismusorten, die sich dauernd beschleunigt."

"Um solche Anlagen möglichst attraktiv zu machen, richtet man sie in immer größeren Schwierigkeitsgraden ein. Das kann bei Notfällen fatal sein für ein breites Publikum, das wenig erfahren und kaum trainiert ist", so Karnutsch.
Touristiker bestätigen Boom
Dass man durch schwierige Klettersteige neue Gäste gewinnt, bestätigt der Obmann der Wolfgangsee-Information am Telefon:
"Unser Steig bietet auch die Schwierigkeitsgrade C und D. Das sind hohe Anforderungen. Es ist auch entsprechend gekennzeichnet. Wir haben für diesen neuen Klettersteig bereits großen Zuspruch von Interessenten aus ganz Europa."
Postalmklamm-Klettersteig. Bild: bergsteigen.at
Bild: Axel Jentzsch-Rabl (bergsteigen.at)
Immer mehr Ungeübte unterwegs
Das Problem dabei aus der Sicht von Bergführern und Bergrettern: Nicht nur erfahrene Alpinisten würden sich ihr Freizeitglück in diesen Klettersteigen sondern auch Ungeübte und "normale" Urlauber holen.

Bei diesen kann sich der erwartete Genuss schnell ins Unglück verwandeln, wenn grundlegende Fertigkeiten nicht vorhanden sind.
Viele Benutzer können sich laut Bergführern selbst viel zu wenig einschätzen. Der Großteil ist hier in zu schwerem Gelände unterwegs.
Bereits Anmarsch riskant
Für Untrainierte gäbe es auf den meisten Klettersteigen zu wenig geeignete Möglichkeiten für Ausstiege, damit umgekehrt werden kann. Im Klettersteig Postalmklamm sei bereits der Anmarschweg ziemlich riskant, so Karnutsch.

In diesem Bereich ist der junge Deutsche am vergangenen Mittwoch abgestürzt. Er war noch nicht gesichert.

Ebenso gehen viele andere Benutzer vor, die erst lange nach der ersten gefährlichen Stelle ihre Klettergurte anlegen.
"Hier in Strobl ist es wirklich sehr gefährlich. Auf dieser steilen Leit`n beim ungesicherten Anmarsch wird noch mehr passieren, weil alles glitschig und nass ist", weiß ein Pensionist aus Oberösterreich.
Verantwortung nicht delegierbar
Die Kritik der Bergführer nehmen die Betreiber des Klettersteiges in Strobl ernst. Es soll nun ein geeigneter Platz zum Anlegen der Sicherheitsausrüstung gefunden werden. Für das Anseilen ist jeder Benutzer selbst verantwortlich; wie übrigens bei jeder Tätigkeit im Gebirge.

Die Fachleute sprechen insgesamt schon lange nicht mehr von alpiner Sicherheit sondern von Risiko-Management. Zustände absoluter Sicherheit werde es nämlich nie geben; nirgendwo im Leben.
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