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MI | 21.03 | 17:09
Foto: Zeitgeschichte-Tage Braunau
Braunau als "Geburtsstätte" von Demokratie
Unter der Leitung des Salzburgers Andreas Maislinger geht es bei den Braunauer Zeitgeschichte-Tagen bis Sonntag um jene vergessene Revolution von 1705 im Innviertel, die Experten als Geburtsstunde moderner Verfassungen sehen.
Foto: 200-Jahr- Erinnerungsfeier zur Schlacht der Sendlinger Bauern, München 1905. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"
International bekannt ist Braunau wegen des historischen Erbes, dass hier 1889 der größte Menschheitsverbrecher zur Welt kam.
Abseits von Adolf Hitler ist kaum bekannt, dass die Stadt Braunau im 18. Jahrhundert eine stark humanistisch orientierte und aufklärerische Rolle spielte und damit ideengeschichtlich auch auf andere Teile Europas einwirkte.

Der aus St. Georgen im Salzburger Flachgau stammende Historiker Andreas Maislinger - der in in Innsbruck lebt - hat zur Eröffnung einen hochkarätigen Vortragenden nach Braunau eingeladen:
Der Münchner TV-Journalist Henric L. Wuermeling hält bei diesjähigen 14. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen am Freitagabend (23. September) das Hauptreferat. Es geht um das "Braunauer Parlament“ von 1705. Wuermeling schreibt:
"Pioniere der Verfassungsrechte"
„Die Welt blickte Anfang des 18. Jahrhunderts nach Bayern. Die Schlacht von Höchstädt 1704 brachte die Wende im Spanischen Erbfolgekrieg. Dieser Sieg der Alliierten über Kurfürst Max Emanuel verschiebt die politische Achse der Welt.

Der Kurfürst musste Bayern verlassen, Besatzungstruppen pressten das Land aus. Passiver schlug in aktiven Widerstand um.

Die Menschen in Bayern nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand und schafften etwas völlig Neues."
Parlament mit allen Ständen
Wuermeling betont, dass eine eigene Regierung und ein eigenes Parlament gegründet werden sollten. Diese Strömung mit republikanischen Ansätzen erfasste das Innviertel und Bayern zu einer Zeit, als in weiten Teilen Europas noch absolutistische Monarchien vorherrschten.

Das Ende des 30-jährigen Krieges, dem Millionen Europäer wegen fürstlicher Eitelkeiten sowie Rivalitäten zwischen Katholizismus und Protestantismus zum Opfer fielen, lag gerade erst ein paar Jahrzehnte zurück.

Erstaunlicherweise waren 1705 im Braunauer Parlament alle vier Stände vertreten - also auch der bei vielen verhasste Adel - um die Spannungsfelder zwischen diesen Gruppen drehen sich die Zeitgeschichte-Tage auch:
Volksaufstand gegen Absolutismus
Dieses `Baiernparlament` in Braunau am Inn rief zum Volksaufstand gegen kaiserliche Bevormundung von außen auf, der das Land befreien sollte. Es war - wenn man so will - ein anarchisch-regionales Aufbäumen gegen die Zentralmächte des Deutschen Reiches.

Das 18. Jahrhundert, das Historiker als ein Zeitalter der „Erfindung der Freiheit“ bezeichnen, setzte gleich zu Beginn um die Jahreswende 1705 auf 1706 in Braunau ganz neue und heute nur noch wenig bekannte verfassungsrechtliche Akzente."
Einflüsse nach Paris und Amerika?
Das "Braunauer Parlament" wurde letztlich von Kaiserlichen blutig aufgelöst und der Aufstand niedergeschlagen.

Aus der Sicht mancher Fachleute hatten Vorgänge in und um Braunau damals auch ihren Einfluss auf die Entwicklung ähnlicher Ideen von Freiheit und Menschenrechten in anderen Regionen, die letztlich zur Französischen Revolution (1789) bzw. zur Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) führten.

Gerald Lehner, salzburg.ORF.at