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MI | 21.03 | 17:09

Von Gerald Lehner
Klimawandel macht Glockner gefährlicher
Die Besteigung des Großglockners entpuppt sich zunehmend als Wagnis - durch Gefahren wie Stein- und Eisschlag. Besonders der Normalweg von Kärnten wird immer gefährlicher. Immer mehr Alpinisten weichen auf die Osttiroler Seite aus.
Foto: Gerald Lehner
Knapp unter dem Gipfel auf dem Kleinglockner.
Gletscher zerklüfteter und brüchiger
Auf Kärntner Seite des Großglockner von der Franz Josefs Höhe bei Heiligenblut ist mit dem Fernglas zu beobachten, wie die gigantischen Gletscher auf dem Glocknermassiv immer zerklüfteter und brüchiger werden. Die Besteigung des Riesen wird durch verstärkte Spaltenbildung und viel blankes Eis langwieriger und gefährlicher.

Deshalb gehen immer mehr Alpinisten den höchsten Berg Österreichs von der Osttiroler Seite an, wo vergleichsweise kurze Strecken über vergletschertes Hochgebirge zurückgelegt werden müssen.

So bestiegen jüngst auch 20 Journalisten aus ganz Österreich mit Bergrettungsleuten und Bergführern den Glocknergipfel über die Stüdlhütte und die Adlersruhe von der Osttiroler Seite.
Foto: Gerald Lehner
Foto: Gerald Lehner
Osttiroler Seite von Kals
Oft erschöpfte Eisgeher zu retten
Bild oben im Vordergrund: Kleinglockner mit Ausstieg der Pallavicini-Rinne im Schartl. Hinten: Hauptgipfel (3.798 Meter).

Von Heiligenblut auf der Kärntner Seite dauert heutzutage die Begehung des Normalweges über das Hofmannkees wegen riesiger Klüfte um bis zu eineinhalb Stunden länger als früher.

Und die Schneedecke auf dem Eis verschwindet um viele Wochen eher im Sommer als früher.

Friedl Fleissner, Chef der Bergrettung Heiligenblut, hat immer öft mit Einsätzen zu tun, bei denen unerfahrene oder erschöpfte Eisgeher geborgen werden müssen:
"Die Firndecke auf den Gletschern verschwindet durch den Klimawandel oft schon im Juli. Immer weniger wagen sich dann über das blanke Eis nach oben. Und wenn weniger gehen, dann braucht es nur ein wenig Regen und dann wieder Minusgrade in der Nacht, dass keinerlei Spur sondern nur noch relativ steiles Eis vorhanden sind. Wer keine saubere Technik beim Gehen mit Steigeisen hat, der tut sich da schon schwer."
Foto: Gerald Lehner
Thomas Martinek, Chefredakteur von "trend", auf dem Gipfelgrat.
Route von Kärnten sehr mitgenommen
Mehr als zwei Drittel aller Glockner-Besteigungen laufen mittlerweile über die Osttiroler Seite von Kals herauf über die renovierte Stüdlhütte, den Stüdlgrat oder den südwestlichen Normalweg, der sich bei der Adlersruhe (Österreichs höchstgelegener Hütte mit ca. 3.400 Meter Seehöhe) mit dem Hofmann-Weg von Heiligenblut vereinigt.

Von Osttirol aus Süden oder Südwesten her sind die Gletscher und Felsgrate noch nicht so vom Klimawandel mitgenommen wie die traditionelle Route von Kärnten.

Friedl Fleissner sagt, direkt unter dem Gipfel müsse jedoch jeder und jede aufpassen - egal, aus welcher Richtung man komme:
"Beim Eisleitl unter dem Gipfelgrat gibt es durch die Abschmelzung immer mehr Steinschlag. Besonders bei Nebel kann das zum Problem werden, weil man nicht sieht, wohin man ausweichen könnte."
Foto: Gerald Lehner
Eisleitl: Steiles Schnee- und Eisband rechts unterhalb des Gipfelgrates bei der Wegkehre.
Foto: Gerald Lehner
Barbisch
Klimawandel offensichtlich
Gebhard Barbisch, Landesleiter der Vorarlberger Bergrettung, kennt den Glockner von früher. 

Als Westösterreicher an der Grenze zur Schweiz kommt er eher selten in die Tauern, und nun zeigt er sich ebenfalls überrascht:
"Besteigungen sind in allen Variationen eigentlich gefährlicher geworden. Wer für den Klimawandel noch immer Beweise braucht, sollte sich einmal den Glockner vornehmen. Da bestehen dann keine Zweifel mehr."

Mit Rechen die Steine beseitigen
Hans Gratz von der Bergrettung Kals in Osttirol berichtet über ein Geheimrezept, das einheimische Bergführer mittlerweile ausgetüftelt haben.

Sie machen den Weg für nicht so erfahrene Gäste leichter begehbar.

Und besonders Notfälle mit abstürzenden Steinen sollen vermieden werden:
"Bergführer gehen von der Adlersruhe zwischendurch mit Rechen ins steile Glocknerleitl unter dem Gipfel und beseitigen labile Steine. Außerdem kann man so die Spur ein wenig griffiger machen."
Foto: Gerald Lehner
Christoph Reiser, Redakteur der "Salzburger Nachrichten", auf dem Gipfel.
Hüttenwirt mag Schneefall im Sommer
Auch Georg Oberlohr war mit ganz oben, der Wirt der Stüdlhütte auf der Osttiroler Seite:

"Es ist für viele Gäste immer wieder gut, wenn es im Sommer ganz oben zwischendurch schneit. Dann liegt auf dem Leitl wieder eine dicke Schneeschicht. Das macht den Normalweg dann für einige Tage bequemer."
Foto: Gerald Lehner
Everest-Pionier und Bergführer Peter Habeler (rechts) führt Karl Stoss (Generali Versicherung) und Hans Henning Horstmann (Botschafter Deutschlands in Österreich) auf den Glockner.

Würtl
"Leute halfen sich gegenseitig"
Finanziell ermöglicht wurde diese Tour mit 20 Journalisten von sportbegeisterten Managern der Generali Versicherung, Partnerin der Bergrettung in Österreich.

Der Tiroler Bergretter, Bergführer und Alpinwissenschafter Walter Würtl nahm mit seinen Kollegen jeweils zwei bis vier Journalisten ans Seil. Die Teams brachten ihre Gäste sicher zum Glocknergipfel und zurück:
"Wenn es nach allen Seiten Hunderte Meter hinuntergeht, da tun sich neue Blickwinkel auf, auch wenn der Weg technisch nicht sehr schwierig ist. Es wurde deutlich, wie sorgfältig im Hochgebirge gearbeitet werden muss, sei es beim Steigen, Klettern und besonders bei Rettungseinsätzen. Das ist wohl vielen nun klar geworden. Beim Abstieg hatten wir dann noch Sturm und Regen, was ich persönlich als Bereicherung empfinde. So sind halt die Berge, nicht nur Zuckerguss."
Fachleute empfehlen alpinistisch weniger erfahrenen Kandidaten angesichts des Klimawandels das Engagement eines Bergführers oder einer Bergführerin für die Gipfeltour.

Bericht: Gerald Lehner (links) mit Bernhard und Gebhard Barbisch von der Bergrettung Vorarlberg.