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MI | 21.03 | 17:07
Ernst Florian Winter, 1945 erster US-Soldat in Österreich. Bild: Gerald Lehner
1945 als erster US-Soldat in Österreich
1923 als Sohn des Wiener Vizebürgermeisters geboren, flüchtete Ernst Florian Winter 1938 vor den Nazis nach Amerika. 1945 war er der erste GI, der seinen Fuß im Innviertel nach Österreich setzte. Heute lebt er als Bergbauer und Haflinger-Züchter in Osttirol.
Von Gerald Lehner, salzburg.ORF.at

Über Megaphon versprach Winter gegnerischen Soldaten - die sich in deutschen Wäldern verschanzt hatten, Bier, Zigaretten und Seife - wenn sie sich ergeben: "Das wirkte Wunder. So haben wir auf beiden Seiten viele Leben gerettet."
Laue Nacht von 3. auf 4. Mai
Sie waren zwölf sehr junge Männer mit leichter Infanterie-Bewaffnung. Und bei Burghausen überquerten sie in Schlauchbooten Anfang Mai 1945 von Bayern die Salzach nach Österreich.

Wenige Tage zuvor war Winter dabei, als seine Einheit - die 86. Division in der 3. US-Armee - das KZ Dachau in der Nähe von München befreite, seit 1933 das älteste aller Folter- und Todeszentren der Nationalsozialisten, wo ab 1938 auch besonders viele Österreicher gelitten haben. Zuvor hatte die 3. Armee das KZ Buchenwald in Thüringen befreit, wo GI`s die Überlebenden ebenfalls bestmöglich versorgten und über die massenhaften Greueltaten an Wehrlosen so entsetzt waren, dass sie einheimische Nazis zur Bestattung der Leichenberge heranzogen.
Ernst Florian Winter besucht das Innviertel. Bild: Gerald Lehner
3. Mai 2008: Ernst Florian Winter durchquert in seinem kleinen roten Allrad-Pkw mit Osttiroler Kennzeichen (Lienz) das westliche Innviertel, das er mit amerikanischen Kameraden genau 63 Jahre zuvor befreit hatte. Die Erinnerung rührt den knapp 85-Jährigen tief.
GI`s bei der Befreiung Österreichs. Bild: United States National Archives
Das Ziel des militärischen Auftrages zur ersten Erkundung des westlichen Innviertels war die Ortschaft Gundertshausen; einige Kilometer von der Salzach entfernt in Richtung Salzburger Landesgrenze ...
Gemeinsame Spurensuche ...
Am späten Abend des 3. Mai 1945 stand der damals 22-jährige US-Offizier - sieben Jahre nach seiner Flucht nach Amerika - wieder auf heimatlichem Boden: “Gott sei es noch heute gedankt, dass ich niemanden umbringen musste“, sagt der Katholik.

Für die erste nächtliche Erkundung auf österreichischem Territorium schnappten sie sich Fahrräder. Mit ihren halbautomatischen Browning-Gewehren schwangen sich die jungen Amerikaner und ihr österreichischer Kommandant auf die Drahtesel. Kurz vor Sonnenaufgang erreichten sie am 4. Mai Gundertshausen. Knechte und Mägde erspähten den Zug: "Wer seid denn ihr?" "Na, wer werden wir schon sein?", zitiert Winter schmunzelnd das erste Gespräch. Die Einheimischen waren höchst erstaunt und erfreut, dass einer der Amerikaner astreines Österreichisch sprach: "So sehen also Freiheitskämpfer aus", habe eine Magd gelacht: "Das war mein schönstes Kompliment."
Browning-Gewehr. Bild: secondworldwarhistory.com
M1918 Browning Rifle, wie sie GI`s im Zweiten Weltkrieg verwendeten.
Winter hatte ein Megaphon dabei, das er in Österreich aber nicht mehr benötigte. In Deutschland hatte er damit versprengte Wehrmachtssoldaten zum Aufgeben bewegt: "Kommt heraus aus dem Wald, mit weißer Fahne. Nehmt aber nicht eure Unterhosen, die sind nämlich mit Sicherheit nicht weiß." Patton als Geheimdienst-Spezialist zugeteilt
Winter gehörte eigentlich zur 10. Gebirgsdivision der US-Armee aus den Rocky Mountains in Colorado und Fort Drum (New York), die in Italien kämpfte. Er war als gut ausgebildeter Europäer, Geheimdienst-Spezialist und Dolmetscher jedoch der 86. Division ("Black Hawk") in der 3. US-Armee zugeteilt worden und schon bei der Invasion im Juni 1944 in der Normandie mit den Amerikanern an Land gegangen. Komandeure: General George S. Patton, Generalmajor Harris M. Melasky.

Im Innviertel trafen sie keine gegnerischen Soldaten mehr. SS und Wehrmacht hatten sich schon ins Salzkammergut zurückgezogen.
Ernst Florian Winter besucht Gundertshausen im Innviertel. Bild: Gerald Lehner
Ankunft in Gundertshausen ...
Schon acht Tage nach der Ankunft im Innviertel kam Winter mit der US-Armee in die Stadt Salzburg, wo er die Villa seines Schwiegervaters Georg von Trapp im Stadtteil Aigen inspizierte. Diese war während des Krieges von SS-Reichsführer Heinrich Himmler benutzt worden, dem obersten Massenmörder. "Einer der schönsten Tage meines Lebens"
War Winter heiß darauf, nach Jahren des Exils als erster GI seinen Fuß in die alte Heimat Österreich zu setzen?

„Natürlich! Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. In der Nacht sind wir von Burghausen gekommen. Das Innviertel ist eine so schöne Gegend, ein Stück Wald, dann Hügel mit Wiesen, dann wieder Wald, dann ein Bauernhof."

"Wir sind in dieser warmen Vollmondnacht im Frühling durchgeschlichen. Kein Mensch hat sich gerührt, es war alles friedlich. Ab und zu hat ein Hund angeschlagen. Wir haben hier in Österreich auch keine Bombentrichter mehr gesehen im Gegensatz zu Deutschland.“
Ernst Florian Winter im Gastgarten der Brauerei Schnaitl, Gundertshausen. Bild: Gerald Lehner
Viel Ähnlichkeit mit Hemingway: Kaffee und Kuchen im Braugasthof Schnaitl
"Bauernhof" war Brauerei Schnaitl
Und der Auftrag des amerikanischen Zuges lautete, das auffällige Gebäude in Gundertshausen zu besetzen, das sie durch Luftaufnahmen bei früheren Einsatzbesprechungen zuerst für einen Innviertler Vierseit-Bauernhof hielten.

Sie sollten sich als Späher betätigen, dort aushalten, das Anwesen eventuell gut befestigen, Stellungen graben - bis wenige Tage später die 86. US-Division unter General Patton - aus Bayern kommend - hier ihr Hauptquartier für den Kampf um die Befreiung Österreichs aufschlagen würde. Die Gebäude waren kein Bauernhof sondern die Brauerei Schnaitl samt Gasthof in Gundertshausen, die es noch heute gibt.
Ernst Florian Winter vor dem Geburtshaus von Leopold Kohr in Oberndorf. Bild: Gerald Lehner
Vor dem Geburtshaus des Philosophen Leopold Kohr in Oberndorf (Flachgau).
Den Tod vieler Kampfgefährten erlebt
Hier sitzen wir und trinken Kaffee, essen Marzipantorte, als Ernst Florian Winter vom harten Weg von der Atlantikküste her nach Österreich berichtet. Als US-Soldat war er nämlich auch bei den Kämpfen in der Normandie dabei, als so viele Amerikaner und Briten ihr Leben für die Befreiuung Europas von den Nationalsozialisten lassen mussten:

„Das letzte schwere Gefecht auf dem Weg zur österreichischen Grenze und nach Berchtesgaden hatten wir in Ansbach. Ich habe bis dahin die ganze Zeit Kameraden sterben gesehen. Aber in Österreich nicht, hier ist keiner von uns mehr gefallen, aber sonst sehr viele, auf der anderen Seite auch sehr viele junge Deutsche und Österreicher. Wenn ich dran denke, werde ich ganz wehmütig.“
In memoriam Leopold Kohr
Ernst Florian Winter besucht das Grab von Leopold Kohr. Bild: Gerald Lehner
Winter und der Politikwissenschafter Andreas Maislinger besuchen das Grab des Journalisten, Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr in Oberndorf, der sich in Nordamerika bis 1945 in zahlreichen Zeitungsartikeln (New York Times, Washington Post, ...) für Österreichs Befreiung engagiert hatte.
Ernst Florian Winter. Bild: Gerald Lehner
Nach dem Krieg heiratete Ernst Florian Winter Johanna Trapp aus der weltbekannten Salzburger Musikerfamilie Trapp ("Sound of Music"). Seine Frau starb 1994.

In den 1960er-Jahren wurde er Professor für Politikwissenschaft an der Columbia University in New York und später Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien.
Ranshofen-Wertheimer-Preis 2008
Am 3. Mai 2008 hat Ernst Florian Winter in Braunau am Inn von der Stadtregierung den Egon-Ranshofen-Wertheimer-Preis erhalten. Mit diesem werden verdiente Auslandsösterreicher geehrt.

Der Preis ist nach einem gebürtigen Braunauer benannt, der als ehemaliger Diplomat des Völkerbundes die US-Regierung während des Zweiten Weltkrieges beraten und 1945 auch an der Gründung der Vereinten Nationen in San Francisco mitgewirkt hatte.

Statt als Befreier gefeiert zu werden seien Männer wie Winter in der Nachkriegszeit nicht selten von früheren Nationalsozialisten, ihren Sympathisanten und Wehrmacht-Veteranen als „Verräter“ diffamiert worden, besonders darauf wies der hochrangige Diplomat Michel Cullin in seiner Laudatio für Ernst Florian Winter hin: „Das ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte dieser neu gegründeten Republik.“

Nach seiner Pensionierung als Direktor der Diplomatischen Akademie Österreichs ließ sich Winter als Bergbauer und Haflinger-Pferdezüchter im Defereggental in Osttirol nieder. Diese Aufgabe erledigt er noch heute mit großer Freude.
Weiter Friedensdienst und Kulturarbeit
Der knapp 85-Jährige ist - nicht zuletzt durch seine landwirtschaftliche Tätigkeit - noch sehr rüstig. Gelegentlich geht er noch für das österreichische Außenministerium auf diplomatisch-humanitäre Einsätze – zuletzt mehrfach nach Pristina in den Kosovo. Er war früher auch in leitender Position für die UNESCO tätig; auf Vorschlag der US-Regierung.
Caroline Kleibel, Publizistin. Bild: textundkommentar.at
Kleibels Spurensuche
Auch die Salzburger Publizistin und Philosophin Caroline Kleibel hat sich auf die historische Fährte von Ernst Florian Winter geheftet und in den "Salzburger Nachrichten" ein Feature veröffentlicht ...