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MI | 21.03 | 17:10

In Memoriam
PETE SCHOENING
Erstbesteiger des Gasherbrum I verstorben
Er war Weltklasse-Bergsteiger, hat viele Expeditionen sowie 1953 auf dem K2 eine legendäre Rettungsaktion durchgeführt. Pete Schoening war auch mit Salzburg verbunden. Der Amerikaner starb kürzlich in Seattle (USA).

Bild: Gasherbrum I (Hidden Peak) im Karakorumgebirge.

Erst vor kurzem drang die Nachricht durch seine Seilgefährten und Freunde Dee Molenaar (K2- und Alaska-Pionier) sowie Tom Hornbein (Everest-Überschreitung 1963) aus Seattle nach Salzburg.
Nachruf von Gerald Lehner, salzburg.ORF.at Gegen den Krebs gekämpft
Der 77-jährige Extrembergsteiger, sozial engagierte Unternehmer, sechsfache Vater und vielfache Großvater Pete Schoening ist am 22. September 2004 nach langem und schwerem Leiden verstorben. Er leistete seiner Krankheit fast bis zuletzt Widerstand - durch Bergwandern und Skitouren.

Schoening war auch im Bergrettungsdienst an der Nordwestküste der USA engagiert.
Mehrfacher Lebensretter
Der legendäre Eispickel, mit dem Schoening 1953 auf dem K2 (8.611 Meter) den Todessturz einer ganzen Expedition verhindern konnte, liegt heute wieder im Museum der State Historical Society des US-Bundesstaates Washington in Seattle.

Eispickel Schoenings in Altenmarkt/Zauchensee
Eispickel von Seattle nach Salzburg
Bis Herbst 2002 war das gute Stück - das zum nationalen Kulturerbe der USA gehört - dann einige Monate in der internationalen Alpinismus-Ausstellung DER BERG RUFT! in Altenmarkt-Zauschensee ausgestellt - das erste und bisher einzige Mal in Europa.

Schoening hatte sich sehr bemüht, die Geschichte des Bergsteigens im amerikanischen Nordwesten und der US-Pioniere in Himalaya und Karakorum für die Salzburger Schau zu dokumentieren.

Schoening - geboren am 30. Juli 1927 - war auch mit Broad-Peak-Erstbesteiger Marcus Schmuck aus Salzburg befreundet. Gemeinsam bestiegen sie noch vor einigen Jahren im fortgeschrittenen Alter und ziemlich locker den Mount Rainier (4.392 Meter) nahe Seattle.

Gasherbrum I (Hidden Peak)
Nationalheld - Gasherbrum I (1956)
Neben seiner legendären Geistesgegenwart auf dem K2, mit der Schoening sechs Gefährten das Leben rettete, wurde er 1958 wegen der Erstbesteigung des Gasherbrum I (8.068 m - auch "Hidden Peak" genannt) im Karakorumgebirge Pakistans weltbekannt.

In den USA gilt Schoening als Nationalheld. Weitere Mitglieder des Teams auf dem Gasherbrum 1 (Hidden Peak): Andy Kauffman, Nick Clinch, Bow Swift, Tom Nevison ...

Kauffman und Schoening waren im Frühling 1958 nach einem sehr anstrengenden "Hatscher" auf Schneeschuhen über den Südost-Sporn und den Urdok-Kamm als erste Menschen auf dem Gipfel des Gasherbrum 1 angekommen.

Das ist der Nachbar jenes Riesen, den 1956 die Österreicher Sepp Larch, Hans Willenpart und Fritz Moravec erstbestiegen haben: Gasherbrum 2 (8.035 m).
Einziger "amerikanischer" 8.000er
Die Amerikaner verwendeten nur in der Gipfelregion die Atemhilfe.

Diese Expedition strengte sich an, damit wenigstens Gasherbrum I zum "amerikanischen" Achttausender wurde - zum einzigen der 14, den ein US-Team erstbesteigen konnte.
1939 war der Deutsch-Amerikaner Fritz Wiessner auf dem K2 mit geringsten künstlichen Mitteln knapp gescheitert, sehr knapp.

Den Welt-Erfolg holten sich später Italiener mit einer Materialschlacht, nachdem sich Amerikaner über Jahrzehnte mit kleineren Teams vergeblich abgemüht hatten.

K2 (Chogori)
Wunder auf dem K2 (1953)
So saßen am 2. August 1953 acht Amerikaner im Wettersturz auf dem K2 in der Falle. Lager VIII auf dem Abruzzi-Sporn (7.620 m): Bob Craig, George Bell, Peter Schoening, Art Gilkey, Charles Houston, Bob Bates, Dee Molenaar und der gebürtige Brite Tony Streather.

Dieser Blizzard dauerte neun Tage. Sie waren Steinschlag ausgesetzt, nahe am Verdursten, weil der Kocher streikte und Brennstoff ausging.

Der junge Art Gilkey entwickelte wegen des eingedickten Blutes eine Venen-Thrombose. Wenn das Blutgerinsel in die Lunge gespült würde, dann käme die tödliche Embolie. "Nichts wie runter", sagte Houston. Ein erster Rettungsversuch scheiterte dann wegen Lawinengefahr.

Sie nahmen einen völlig unbekannten Felsgrat nach unten, den Schoening beim Aufstieg gesehen hatte.
Beinahe in die Katastrophe
Der kranke Gilkey - eingewickelt in eine Zeltplane - wurde nachgezogen. Sie stiegen in drei Zweier-Seilschaften ab. Und Schoening sicherte Gilkey an schwierigen Stellen, über die der Kranke sanft abgeseilt wurde. Dann rutschte Bell über einer extrem steilen Eisrinne aus.
Streather stürzte ebenso. Sie rutschten. Ihr Seil verwickelte sich in dem von Bates und Houston. Dann erwischte es Molenaar und Craig. Zum Godwin-Austen-Gletscher ging es an dieser Stelle tausende Meter hinunter.
"Each man was sure that the end had come", so beschrieb der kalifornische Schriftsteller, Fotograf und Bergsteiger Galen Rowell - der 2002 bei einem Flugzeugabsturz nahe San Francisco ums Leben kam - die Todesgefahr dieser Situation.
Schoening rettet sein Team
Doch keiner hatte 1953 auf dem K2 mehr mit dem genialen Pete Schoening am Seilende der Stürzenden gerechnet.

Er verklemmte seinen langen Pickel mit dem Holzschaft zwischen Felsen, stemmte sich darauf, ließ das Seil mit einem Bremsknoten noch mehrere Meter dynamisch durchgleiten, damit es nicht durch das Gewicht der vielen Stürzenden riss.

Schoenings dynamische Bremstechnik schützte auch den hölzernen Pickelstiel vor Bruch, der ebenfalls zum Tod des ganzen Teams geführt hätte.
Momente später stand die Partie. Alle Seile verfingen sich zudem so, dass sie gegenseitig hielten. Schoening hatte ganze Arbeit geleistet - ein Schutzengel im vollen Arbeitsstress.
Alpinisten trauern
Vor wenigen Tagen und 51 Jahre nach dieser  Sternstunde hat der Guardian Angel vom Dienst seinen Kampf gegen den Knochenkrebs verloren. Sein langjähriger Berggefährte Tom Hornbein, Medizin-Professor und Everest-Überschreiter von 1963, war bis zum Schluss bei Schoening.

Und Dee Molenaar, dem Schoening 1953 auf dem K2 mit seinem Pickel ebenfalls das Leben gerettet hatte, schrieb jüngst in einem E-Mail nach Salzburg über die geplante Zeremonie nach der Einäscherung:
"Of course, Pete`s ashes will be scattered over the mountains he loved. A great guy, energetic and exuberant, modest and generous."
1999: Molenaar, Schoening (rechts)

Der Bergführer und Künstler Molenaar (links) ist Erstbesteiger eines der kältesten, stürmischsten und dadurch auch schwierigsten Berge: Mount St. Elias in Alaska (5.489 m). Er gilt - relativ gesehen - auch als höchster Berg der Erde, weil der Anstieg am Meerespiegel des Nord-Pazifik beginnt.
Mit dem Bruder von John F. Kennedy hatte  Molenaar dann Mitte der sechziger Jahre die Erstbesteigung des Mount Kennedy (4.238 m) im nordwestlichsten Kanada (Yukon Territory) durchgeführt - im Auftrag der kanadischen Regierung und zur Erinnerung an den ermordeten US-Präsidenten.
"Wenn europäische Extrembergsteiger von dieser Generation amerikanischer Pioniere etwas lernen könnten, dann an erster Stelle die Fähigkeit zu lebenslangen Freundschaften und ein Zusammenhalten, das weit über Fels, Eis und Nordwände hinausreicht", sagt der Salzburger Alpin-Journalist und Bergführer Gerald Valentin ("Land der Berge").
In memoriam Pete Schoening (Mitte)

mit Tom Hornbein (rechts) und Gerald Lehner (ORF Salzburg) in Seattle.