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MI | 21.03 | 17:08
Dampflokomotive. Bild: Gerald Lehner
"GOLDZUG"-ODYSSEE
Eines der ganz großen Verbrechen
Die Salzburgerin Sabine Stehrer hat sich auf die Suche nach dem "Goldzug" der Nazis gemacht und ein Buch geschrieben. Es geht um tonnenweise Raubgold und viele andere Wertsachen aus Ungarn. Der Großteil ist bis heute verschwunden.
Der grafisch dezent gestaltete Band der 1967 geborenen Pinzgauerin Sabine Stehrer aus Saalfelden ist "nur" knapp 90 Seiten dick und hat es in sich. Die Journalistin und Germanistin, die früher als Zeitungsredakteurin in Salzburg arbeitete, lebt heute in Wien. Internationales Thema
Jahre der Recherche stecken in diesem Band. Es geht um ein brisantes und internationales Thema: die Beraubung und Ermordung ungarischer Juden durch Nationalsozialisten und ungarische Faschisten des so genannten Pfeilkreuzler-Regimes.

Diesen Taten folgte nach Kriegsende eine bis heute geheimnisumwitterte mutmaßliche Ausplünderung des "Goldzuges" mit insgesamt 24 Waggons durch ungarische, österreichische und deutsche Bürger sowie Soldaten der USA.
Von "Pfeilkreuzlern" ermordete Juden Ungarns. Bild: holocaust-history.org
Von "Pfeilkreuzlern" ermordete Kinder ungarischer Juden in Budapest. Zeitgenössische Bilder: holocaust-history.org
Das Raubgut wurde wegen der heranrückenden Soldaten der Sowjetunion von ungarischen Faschisten, deutschen sowie österreichischen Nazis in Richtung Westen in "Sicherheit" gebracht: Ein Eisenbahnzug mit Gold, Goldstaub, Eheringen, Diamanten, Silberbarren, Münzen, Gemälden, Uhren, Kameras, Violinen ... Nazis und ungarische Faschisten
Die Affäre gilt mittlerweile als einer der größten Raubzüge der Geschichte. Der Verdacht und seine Überprüfung wurden in den Wirren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg von offiziellen Stellen auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans unter den Teppich gekehrt.

Historischer Hintergrund: Am 3. November 1944 erreichte der Holocaust in Ungarn einen Höhepunkt. Der den Nazis hörige Ministerpräsident erließ ein Dekret, das alles Eigentum von jüdischen Bürgern zum "Eigentum der Nation" stempelte.

Es folgten Ausplünderungen und Raubzüge in Wohnungen und Häusern, ehe deren Besitzer und Mieter in Ungarn selbst ermordet oder in Folter- und Vernichtungslager der Nazis deportiert wurden.
Von "Pfeilkreuzlern" ermordete Juden Ungarns. Bild: holocaust-history.org
Leichenberge in Budapest.
Niemand erhielt je etwas zurück
So gut wie nichts davon sahen rechtmäßige Besitzer jemals wieder. Den Holocaust überlebten ohnehin nur wenige.

Insgesamt 600.000 Juden Ungarns wurden von den Nazis und ihren ungarischen Handlangern ermordet.
Es geht auch um menschliche Abgründe, die Nazis der Nachkriegszeit, andere Arten von Österreichern und mutmaßliche Diebe mit US-Staatsbürgerschaft kennzeichneten. 600.000 Mordopfer
Viele Wertgegenstände aus dem "Goldzug" gerieten auf verschlungenen Wegen in private Hände von Dieben, Hehlern, Verkäufern und Käufern.

Das begann schon auf dem Weg nach Westen in Ungarn; dann folgten Österreich, Frankreich, Deutschland und die USA.
Es bedienten sich viele Hände
Stehrers Buch liest sich wie ein Krimi; ein besonders spannender. Es wäre tröstlich, würde es sich um Fiktion handeln.

An der abenteuerlichen Route des "Goldzuges" bedienten sich in den letzten Kriegstagen und in den Wochen danach viele Hände. Stationen: Budapest, Zirc, Brennberg, Hopfgarten in Tirol, Böckstein bei Bad Gastein in Salzburg, Werfen, Feldkirch, Schnann in Tirol, Salzburg-Stadt ...

Weitere Destinationen von Besitztümern der Ermordeten: Frankfurt am Main, New York, Miami ...
Stehrer berichtet von internen Checks der US-Behörden, die wegen verwischter Spuren zum Scheitern verurteilt seien, wie eine Investigatorin in den Nachkriegsjahren feststellte. Interne Recherchen der US-Armee
Die Autorin verschont auch die amerikanische Armee nicht.

Sie hat Fakten recherchiert, die auch auf Charakterlosigkeiten, Gier und illegale Machenschaften von hohen Offizieren in Österreich und den Vereinigten Staaten hindeuten.
Selbstreinigung kommt in Gang
Erst in jüngster Zeit hat in den USA ein Selbstreinigungsprozess bei diesem Thema eingesetzt. Österreich blieb davon bis heute "verschont". Auch deshalb, weil es im Alpenland nahezu kein Problembewusstsein in der breiten Bevölkerung gibt? Fragen über Fragen wirft Stehrer durch ihren Text auf.

Sie liefert auch Hinweise, dass in Bergregionen an der Bahnstrecke zwischen Salzburg und Tirol viele Wertgegenstände ungarischer Juden aus dem Zug gestohlen wurden und unter der Hand in Besitz der österreichischen Bevölkerung gerieten.

Dort könnten sie sich bis heute befinden und zum regionalen Wohlstand beitragen, wäre eine Schlussfolgerung aus diesem Buch.
Von "Pfeilkreuzlern" ermordete Juden Ungarns. Bild: holocaust-history.org
Ermordete Juden Ungarns in Budapest.
Zwei Milliarden US-Dollar
Einige wenige Überlebende des Holocaust in Ungarn und heutige US-Bürger haben eine Sammelklage zu diesem Thema eingebracht.

Nach Schätzungen der US-Armee war der "Goldzug" mit Gegenständen beladen, die damals mehr als 150 Millionen Dollar wert waren.
Amerikanische Historiker schätzten die Ladung auf 200 Millionen Dollar - nach Umrechnung auf unsere Zeit ist vom Zehnfachen dieser Summe die Rede.

Es ist unklar, ob europäische Verdächtige und/oder amerikanische Ex-Militärs bzw. deren Einheiten oder Rechtsnachfolger für organsierte und "wilde" Diebstähle zur Verantwortung gezogen werden können, die 60 Jahre zurückliegen.
Anmerkungen des Rezensenten
Da ich die Autorin Sabine Stehrer logistisch ein wenig bei diesem Projekt unterstützt habe - mit einem persönlichen Kontakt zur leitenden Historikerin im Zentralarchiv der Vereinten Nationen in New York -, sei mir als Rezensent diese Anmerkung zum Buch gestattet:
Buchcover "Der Goldzug", Czernin Verlag, Wien 2005
Cover
"Schlussstrich nicht zu ziehen"
Wer an europäischer und amerikanischer Geschichte, internationaler Politik und Fragen der "Wiedergutmachung" von Nazi-Verbrechen (die nicht wiedergutzumachen sind) interessiert ist, für den oder die handelt es sich um Pflichtlektüre. Die Recherche und ihre Präzision sind eindrucksvoll. Und Stehrer hat klar herausgearbeitet, worum es geht:

Schlussstriche, wie sie neben damals politisch Verstrickten heute immer mehr Ahnungslose fordern, können nicht gezogen werden.

Ohne Forschung zu diesen Vorgängen kann es auch in Europa schon bald wieder ähnliche Zustände geben, wie sie im Nationalsozialismus geschehen sind - zuletzt spürbar in Bosnien und im Kosovo.

Und die Forschung über die Raubzüge der Nazis in der Zivilbevölkerung Europas steckt nach 60 Jahren Abstand zum Geschehen noch immer in ihren Anfängen.
Sabine Stehrer, Journalistin. Bild: privates Archiv
Sabine Stehrer: Was mir an ihrem Buch fehlt, ist die Schilderung persönlicher Beobachtungen und Eindrücke bei dieser großartigen Recherche. Die Autorin ist viel gereist in Europa und Übersee.
"Mehr Reportage wäre gut"
Da die Autorin nicht nur Germanistin, sondern auch eine erfahrene und gut schreibende Journalistin ist, wäre es angemessen, wenn sie einige Passagen wie kleine oder größere Reportagen gestaltet hätte.

Dann könnte die Leserschaft den Blick dieser literarisch gebildeten Salzburgerin auf Gesprächspartner und politische wie soziale Zustände in Österreich und anderswo spüren.

Im vorliegenden Band überwiegt eine wissenschaftliche Schreibweise, wie sie in Europa vorherrscht. Damit muss man sich anfreunden. In Nordamerika wäre so ein Buch automatisch eine Mischung aus Wissenschaft, Journalismus und Literatur; um Realitäten zwischen und in den Zeitaltern selbst auf die Spur zu kommen.

Gerald Lehner, salzburg.ORF.at