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MI | 21.03 | 17:10

"Schicksalsberg"?
Zwischen Himmel und Hölle
Kein Berg spielt in der Zeitgeschichte Deutschlands - und Österreichs - eine so emotionsgeladene Rolle wie der Nanga Parbat. Sportliche Welterfolge, Tragödien und politische Propaganda sind mit ihm verbunden.
Von Reinhold Messner & Gerald Lehner ...
Der Brite Albert F. Mummery ist 1895 auf dem Nanga Parbat der Erste, der überhaupt die Besteigung eines 8000ers angeht.

Auf der Mittelrippe, der heute so genannten Mummery-Rippe in der Diamir-Flanke, erreicht er 6.100 Meter.

Eine Woche danach verschwindet er mit dem Gurkha-Soldaten Thapa in einer Lawine.

Foto: Kurt Diemberger
26 Tote bei deutschen Versuchen
Zwischen 1932 und 1938 belagern vier große Expeditionen aus Deutschland den Nanga Parbat. Diese sind von Höchstleistungen, Courage, Materialschlachten, kriegerischer Wortwahl, Instrumentalisierung durch Hitlers Propaganda sowie von Tragödien auf dem Berg gekennzeichnet.

Bei der zweiten deutschen Expedition - finden zehn Menschen den Tod, bei der dritten kommen sogar 16 um.

1932 war es Willi Merkl in einem ersten Schritt gelungen, den vorgelagerten Rakhiot Peak zu erkunden. Damals war noch Fritz Wiessner aus Dresden (Sachsen) dabei, der 1939 - mittlerweile in die USA ausgewandert - als Leiter eines amerikanischen Teams auf dem K2 fast den Gipfel erreicht hätte.

1933 übernehmen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. 1934 kommt Merkl mit den besten Bergsteigern Deutschlands zurück:
Alle historischen Fotos:

Deutsche Himalaja-Stiftung bzw. Museum des Deutschen Alpenvereins, München.

Tauern-Pionier Willo Welzenbach, Foto: Deutsche Himalaja-Stiftung
Welzenbach - Erstbegeher der Tauern ...
Alfred Drexel stirbt 1934 als Erster - an einem Lungen-Ödem. Merkl, Willo Welzenbach aus München (Erstbegeher vieler Eisklettereien in der Glocknergruppe von Salzburg und Kärnten - darunter die Wiesbachhorn-NW-Wand), Uli Wieland sowie sechs Sherpas aus Nepal verlieren ihr Leben nach tagelangem Schneesturm.

Kurz zuvor hatten sie den "Silbersattel" erreicht, eine Schlüsselstelle auf dem Weg zum Gipfel des Nanga Parbat.

Peter Aschenbrenner, Fritz Bechtold, der Kartograph Erwin Schneider und einige Sherpas überleben, weil sie früher abgestiegen sind.

Zahlreiche Lawinentote
1937 kommt es noch schlimmer. Karl Wien führt eine neue Expedition der "Himalaja-Stiftung" in München zum Nanga Parbat. Der Hunger hoher Sportfunktionäre in Berlin nach einem Erfolg und damit der Druck steigen.

Sieben Deutsche und neun Hochträger fallen einer Lawine zum Opfer.

Expeditionsteam auf Schiffreise: Gesänge unter dem Hakenkreuz ...

Paul Bauer ...
... ist Chef der Himalaja-Stiftung und leitender Alpinismus-Funktionär im Dritten Reich. Er organisiert 1938 eine "Bergungsexpedition", wie er sagt.

Der Nanga Parbat ist zum Prestige-Berg des Reiches und mystischen Objekt für viele Nationalsozialisten geworden.

Die gleichgeschaltete Presse kommuniziert den 8000er in Pakistan als "Schicksalsberg der Deutschen", ein überhöhtes Image, das noch Jahrzehnte nach Kriegsende auf Anhänger einschlägigen Gedankengutes eine große Anziehungskraft ausübt.

Die Expedition von 1938 verfügt als weltweit erste über Sprechfunk und Luftunterstützung durch ein Transportflugzeug vom Typ Junkers JU 52.

Lager-Versorgung aus der Luft
Die JU 52 fliegt via Persien und Afghanistan viel Verpflegung und Ausrüstung ins nordwestliche Indien.

Die Güter werden über den Lagern mit Fallschirmen abgeworfen. Das Team erreicht den Gipfel nicht, es gibt aber auch keine Todesopfer.

Heinrich Harrer, 1939 - sitzend
Harrers Tibet-Abenteuer beginnt hier
1939 führt der gebürtige Tiroler Peter Aufschnaiter aus St. Johann, der in München studiert hatte, ein neues Team in die Diamir-Flanke. Es gelingt ihnen die Erkundung einer neuen Anstiegsroute bis in ca. 6.500 Meter Seehöhe.

Kurz nachdem Hitler den Zweiten Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen und der damit verbundenen Kriegserklärung Großbritanniens vom Zaun bricht, werden die Teilnehmer im September 1939 von britischen Truppen interniert und ins Lager Dehradun gebracht. 

Peter Aufschnaiter, Landwirtschaftsingenieur und frühes Mitglied der NSDAP, sowie Heinrich Harrer (Extremkletterer, Ski-Rennläufer, Erstbegeher der Eiger-Nordwand in der Schweiz sowie nach eigenen Handschriften und Dokumenten Mitglied von SS, SA und NSDAP) gelingt später die "Flucht" aus britischer Internierung nach Tibet. Dort arbeitete Harrer dann als Lehrer des noch jugendlichen Dalai Lama.

Bild links: Heinrich Harrer 1939 auf dem Schiff nach Indien. Die Angaben zu Harrer basieren auf jahrelangen Recherchen des Salzburger Journalisten Gerald Lehner in Österreich, den USA, Deutschland und Indien.
"Sieben Jahre in Tibet"
In seinem späteren Welt-Bestseller "Sieben Jahre in Tibet" - übersetzt in viele Sprachen - verschweigt Harrer seine Mitgliedschaften und Kontakte zu hohen Funktionären des Dritten Reiches. Er habe sich ursprünglich von Indien zu den Truppen Japans durchschlagen wollen, schreibt Harrer, um mit deren Hilfe wieder nach Europa zurückzukehren - gemeint ist Deutschland.

Anm.: Das Kaiserreich Japan war mit dem Dritten Reich verbündet.

Zwischen Weltkrieg und Wirtschaftswunder
Bild: Mahnmal der Deutschen Himalaja-Stiftung aus der Vorkriegszeit - für die vielen Toten - aufgemauert am Bergfuß.

Erst 1953 - acht Jahre nach Kriegsende - kehren Deutsche wieder zum Nanga Parbat zurück, der nun bereits in Pakistan steht und nicht mehr im nordwestlichen Indien.

Willy Merkls Halbbruder, Karl Maria Herrligkoffer aus München, organisiert eine Groß-Expedition zum Gedenken an seinen toten Verwandten.

Herrligkoffer ist kein Bergsteiger sondern Organisationstalent und Geldgeber. Er legt Wert auf Disziplin und betraut Peter Aschenbrenner mit der bergsteigerischen Leitung.
Streits im Vorfeld
Das Unternehmen macht bereits im Vorfeld viele Schlagzeilen und sorgt für Diskussionen. Herrligkoffer inszeniert eine regelrechte PR-Schlacht, um die Finanzierung zu sichern.

Einigen geht der Rummel zu weit und komplizierte Verträge, die Herrligkoffer den von ihm eingeladenen Alpinisten abverlangt, werden kritisiert - ebenso die mangelnde Erfahrung des Organisationschefs.

Hias Rebitsch und Erwin Schneider lehnen Einladungen ab.

Hermann Buhl
(1924 - 1957)
Buhl - vom armen Schlucker zum Weltstar
Mit dabei bleibt ein jüngerer Extrembergsteiger aus Innsbruck, der sich im Sportgeschäft Schuster in München mühsam sein Geld verdient, um Ehefrau und Tochter zu ernähren.

Dieser Hermann Buhl hat alle schwierigen Fels- und Eistouren der Alpen absolviert. Nichts wünscht sich Buhl sehnlicher als an einer Expedition teilzunehmen.

Herrligkoffer nimmt ihn ins Team. Als die Expedition in Pakistan ankommt, verschärfen sich die Spannungen zwischen Herrligkoffer und den Alpinisten.

Wie ein Feldherr versucht der Münchner die große Gruppe unter Kontrolle zu halten. Seine Befehle schickt er mit Postläufern von Lager zu Lager.
Buhl geht ALLEIN zum Gipfel
Als einige der Erstbesteigung des Nanga Parbat schon relativ nahe sind, gibt der bergsteigerische Chef Aschenbrenner auf Wunsch von Herrligkoffer die Anweisung zum Rückzug. Das Wetter werde stürmisch, lautet die Begründung.

Ein Großteil der Mannschaft folgt, darunter der Salzburger Walter Frauenberger. 

Hermann Buhl setzt sich darüber hinweg, sieht seine Chance und wagt den Alleingang, nachdem auch sein letzter Gefährte Otto Kemptner aufgegeben hat.
Biwak in 8.000 Metern überlebt
Am 3. Juli 1953 bricht Buhl vom Lager 5 in 6.900 Metern ohne Sauerstoff-Flaschen auf, erreicht den Gipfel um 19.00 Uhr und kehrt nach einem Not-Biwak in 8.000 Metern Seehöhe, das er stehend und ohne Nahrung in einer Felswand verbringt, ins Tal zurück.

Der Tiroler ist völlig erschöpft und hat schwere Erfrierungen an Händen und Füßen.

Buhls Stil ist zunächst - besonders in deutschen Medien - schwer umstritten, hat sich doch ein junger Österreicher über Befehle hinweggesetzt.
Ohne Hitler im Rucksack
Buhl leitet mit seiner Tat auf dem Nanga Parbat eine bergsteigerische Revolution ein, die viele Nachfolger inspiriert - über Jahrzehnte - bis zu Reinhold Messners grandiosem Alleingang auf den Everest (1980).

Buhl ist überhaupt der erste Alleingänger, der es auf den Gipfel eines Achttausenders schafft, noch dazu in der besonderen Rolle als Erstbesteiger sowie mit geringen technischen Mitteln.

Noch 15 Jahre zuvor hatten NS-Propaganda und Massenmedien in Europa über den "Deutschen Schicksalsberg" berichtet, dessen "Eroberung" aufwändige Materialschlachten gewidmet waren - nicht zuletzt auch um die britische Kolonialmacht zu beeindrucken oder auszustechen.

Und dann kommt 1953 ein junger Tiroler, der allein auf den höchsten Punkt geht - ohne Hitlers Ballast im Rucksack.
Zwei 8000er erstbestiegen
Hermann Buhl kann den Weltruhm nur kurz genießen. Der gebürtige Innsbrucker stirbt vier Jahre später - 1957 - beim Absturz durch eine brechende Schneewächte auf der Chogolisa, einem schönen Siebentausender im Karakorum.

Zuvor war der Tiroler als vierter Mann noch an der Erstbesteigung des benachbarten Broad Peak (8.047 Meter) beteiligt gewesen - gemeinsam mit den Salzburgern Marcus Schmuck, Fritz Wintersteller und Kurt Diemberger.
Buhls Pickel erst 1999 gefunden
1999 findet Buhls Erstbesteigung des Nanga Parbat einen symbolischen Schlusspunkt. 1953 hatte er zum Beweis den Eispickel auf dem Gipfel zurückgelassen.

Eine japanische Expedition findet das Museumsstück genau 46 Jahre später.
Japan: Museumsstück nach Salzburg
Expeditionsleiter Takehido Ikeda aus Tokio bringt Buhls Pickel im April 2000 nach Altenmarkt im Salzburger Pongau, wo zu diesem Zeitpunkt die internationale Alpinismus-Ausstellung "Der Berg ruft!" eröffnet wird.

Eugenie Buhl aus Berchtesgaden, Witwe des zweifachen 8000er-Erstbesteigers, bekommt den Pickel Hermanns von dem Gast aus Japan als Geschenk überreicht.
Nicht zu vergessen ... Österreichischer Erfolg unter Hanns Schell
1976 ist eine österreichische Klein-Expedition auf dem bisher unbestiegenen Südwestgrat erfolgreich. 

Die Grazer Hanns Schell, Robert Schauer, Siegfried Gimpel und Hilmar Sturm erreichen in nur vier Wochen und mit vier Hochlagern und zwei Biwaks am 11. August den Gipfel - die  eindrucksvolle Erstbegehung einer neuen Variante.
Schells stiller Stil
Der stille und bescheidene Industrielle und Höhenbergsteiger Hanns Schell, der zeitlebens dem Getöse der Medien ausgewichen ist, galt für Höhenbergsteiger wie Reinhold Messner lange Zeit als Vorbild.

Wichtige Quelle & Buch-Tipp ...
Der junge deutsche Historiker Peter Mierau hat seine Disseration über die "Deutsche Himalaja-Stiftung" geschrieben und hatte Zugang zu bisher nicht geöffneten Archiven.

Mit intellektueller Schärfe und wohltuender Distanz skizziert Mierau diese Institution, der einst sehr einflussreiche Nationalsozialisten angehörten und die später bis in die siebziger Jahre einige der wichtigsten Expeditionen nach Asien finanziell unterstützte.

Wegen seiner Emotionslosigkeit, dem Bemühen um Objektivität sowie dem Verzicht auf vordergründige Entrüstung und Verurteilungen lässt Mierau die Leserschaft eintauchen in die bizarre politische Propanda eines Zirkels hervorragender Bergsteiger und Sportler.
Das Buch markiert ...
daneben den Beginn und Verlauf einer Art Perestroika im Deutschen Alpenverein (DAV), was die Aufarbeitung seiner Geschichte betrifft - initiiert und gefördert von dem ehemaligen DAV-Mitarbeiter, Historiker und Bergsteiger Helmuth Zebhauser (München).

Titelbild bei Peter Mierau
Bibliografie
Mierau, Peter: "Die Deutsche Himalaja-Stiftung" 1936 bis 1998 - Bergverlag Rother, München 1999. 248 Seiten. ISBN 3-7633-8108-2

Harrer, Heinrich: Akt des "Rasse und Siedlungs-Hauptamtes der SS (RuSHa)" über Harrers SS-Mitgliedschaft mit Dokumenten und handschriftlichen Lebensläufen, "German Records", National Archives, Washington DC, USA.