Salzburg ORF.at
MI | 11.04.2012
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
KULTUR
"Googlismus" auf den Spuren von NS-Kunst
Manche sehen in Zeichnungen des Salzburger Künstlers Bernhard Gwiggner einen neuen Kunststil, den "Googlismus". Als Inspiration dient ihm die Bildersuche im Internet - auch auf Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak.
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
Der Google-Bildersuche vom PC-Bildschirm nachgezeichnet: Thoraks Hitler-Büste und das für ihn von der NSDAP "arisierte" Schloss Prielau bei Maishofen im Pinzgau.
Bernhard Gwiggner, Künstler. Bild: Gerald Lehner
Bernhard Gwiggner

Von Gerald Lehner, salzburg.ORF.at
Bebilderte Geschichte
Der Künstler Bernhard Gwiggner (links) ist gebürtiger Tiroler aus Wörgl, lebt schon Jahrzehnte in Salzburg und unterrichtet auch an der Universität Mozarteum.

Thoraks Paracelsus, sein riesiger Kopernikus im Kurpark, die Thorak-Straße im Stadtteil Aigen: Das solche Phänomene mit NS-Bezug öffentlichen Raum in Salzburg prominent und unreflektiert besetzen, das stört den Künstler Gwiggner schon seit langem: "Ich fahre da manchmal mit dem Rad vorbei und fasse es nicht, was ich in dieser Stadt sehe."
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
Thoraks Paracelsus - über Google nachgezeichnet.
"Meister Proper" als Metapher
Gwiggner hat für diese Ausstellung Begriffe und Meilensteine aus dem Leben von Hitlers Lieblingsbildhauer Thorak recherchiert und diese in die Bildersuche der Internet-Suchmaschine Google eingegeben. Die gefundenen Bilder zeichnete der Künstler in biografischer Reihenfolge aufwändig nach, auf riesige Papierstreifen, insgesamt mehrfach raumfüllend und an die 60 Meter lang.

So entstand diese Lebensgeschichte von Thorak - eine Art Comic, zum Teil mit sehr überraschenden Assoziationen, die Gwiggner zusätzlich inspirierten:

"Beim Stichwort `Meister` ging es mir darum, dass Thorak seine Skulpturen von anderen Bildhauern machen ließ. Es hieß damals, der wahre Meister lasse andere für sich arbeiten. Als ich in Google dann `Meister`eingab, kam gleich ein Bild von `Meister Proper`aus der Werbung. Ich finde, dieser Muskelmann passt perfekt zum Heldenideal und Sauberkeitsbegriff jener Zeit."
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
Besucher der Ausstellung, rechts: Georg Steinitz, früherer ORF-Moderator. Steinitz berichtete anlässlich dieser Ausstellung bei einer Diskussion über unkommentierte Verherrlichung und Propagierung von Nazikunst in Salzburg nach dem Zweiten Weltkrieg.
Hitlers Architekt Albert Speer, ein Freund Thoraks: Zeichnung auf Basis von Google-Bild
Hitlers Architekt Albert Speer, ein Freund Thoraks: Zeichnung auf Basis eines Google-Bildes
Verstrickungen im KZ-System von Dachau
Beim Zeichnen mit der Google-Bildersuche ergeben sich unfreiwillig zutreffende, politische, historische, lustige oder auch traurig stimmende Treffer bei bestimmten Begriffen. Auf diese Art hat Bernhard Gwiggner die Lebensgeschichte von Hitlers Lieblingsbildhauer bebildert und gezeichnet. Josef Thoraks Skulpturen stehen noch heute in der Stadt Salzburg herum.

Eines ist für Gwiggner klar: Einfach wegräumen, das wäre der völlig falsche Weg, um mit den riesigen Nazikunst-Figuren in Salzburg fertig zu werden.

Hitlers Lieblingsbildhauer hatte laut Forschungen der Historikerin Susanne Rolinek auch als Berater für die Porzellan-Manufaktur der SS in Allach (KZ Dachau) gearbeitet.
"Ein Streber mit Fäulnis"
Für Bernhard Gwiggner war auch das ein Ansatzpunkt bei der Google-Bildersuche und seinen Zeichnungen:

"Beim Suchbegriff `Hohlheit` taucht im Internet unter anderem ein Totenschädel auf. Das Wort `Hohlheit`habe ich verwendet wegen einer Beschreibung, die der KZ-Häftling Nico Rost aus Holland verfasst hat. Der charakterisierte den Bildhauer Thorak damals so: Ein Streber mit Hohlheit und der Fäulnis seines unwahrhaftigen Denkens."
Der Salzburger Künstler Bernhard Gwiggner (stehend) mit Ausstellung auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak.
Gwiggner (stehend) in seiner Ausstellung - mit viel Publikum bei einer Diskussion über Kunst, Geschichte und den heutigen Umgang mit Relikten und Klischees.
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
Thoraks Atelier in Baldham, Oberbayern
Was bringt "Googlismus" dem Zeichner?
Warum holt sich ein Künstler seine Inspiration aus der Bildersuche im Internet? Man könnte das als neue Kunstform "Googlismus" bezeichnen, die Gwiggner erfunden hat. Er selbst weist diese Idee zurück:

"Ich weiß auch nicht, ob ich der Erste bin. Die Methode bewirkt jedenfalls im Kopf eine Öffnung. Google wirkt als Zufallsgenerator. Da tauchen Bilder und Assoziationen auf, die völlig gegenteilig sind, auch massiv unterstützend und ganz oft auch dem Klischee entsprechend, das man im Kopf hat. Aber es ist insgesamt eine Methode, um die eigene Fähigkeit des Denkens und der Vorstellung zu schulen, verschiedene Blickwinkel zu entwickeln."
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
"Ehemalige SS-Kaserne" - Dachauer KZ-Eindrücke via Google nachgezeichnet ...
"Kopernikus" in Salzburg des wegen seiner Nazi-Vergangenheit umstrittenen Bildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
Thoraks Kopernikus beim Mirabellgarten
Wie Thoraks Statuen künftig begegnen?
Derzeit arbeitet Bernhard Gwiggner mit anderen Künstlern an Ideen, wie man den Thorak-Statuen im Salzburger Stadtbild begegnen könnte, wie man auf sie reagieren könnte?

Wegräumen oder Verstecken sei keine Lösung sagt er:

"Die demokratische Öffentlichkeit muss auf diese nationalsozialistische Kunst endlich auf eine würdige Art reagieren. Geeignete Wege suchen wir derzeit. Künstlerisch natürlich. Es muss ein Prozess sein, verbunden vielleicht mit künstlerischer Bildung für die Jugend und Erwachsene. Ergänzungstafeln allein können das sicher nicht bewirken, was hier wichtig wäre."
Ausstellung noch bis 19. November 2010
Die Ausstellung auf den Spuren des Nazi-Bildhauers Josef Thorak läuft noch bis 19. November. Zu sehen ist sie im Vogelhaus beim Schloss Mirabell in der Stadt Salzburg.
Im Gespräch ...
"Googlismus" - der Künstler Bernhard Gwiggner auf den Spuren des Nazibildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner
Hildegard Fraueneder (Kunsthistorikerin, Galeristin), Bernhard Gwiggner, Susanne Rolinek (Historikerin)
Skulptur von Josef Thorak im Mirabellgarten (Bild: ORF) salzburg.ORF.at; 13.12.09
Um die Skulpturen des NS-Bildhauers Josef Thorak im Salzburger Mirabellgarten ist eine Debatte entbrannt. Die Bürgerliste fordert, dass zu den Plastiken Tafeln angebracht werden, die Thoraks Rolle im Nationalsozialismus erläutern.
"Paracelsus" in Salzburg des wegen seiner Nazi-Vergangenheit umstrittenen Bildhauers Josef Thorak. Bild: Gerald Lehner 17.09.08
Bei der in Linz eröffneten Ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers" wurde auch die Rolle des Bildhauers Josef Thorak für das NS-Regime beleuchtet, dessen Skulpturen in Salzburg stehen, und nach dem hier eine Straße benannt ist.
Ganz Österreich
Salzburg News

 
TV-Programm TV-Thek Radio Österreich Wetter Sport IPTV News