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MI | 11.04.2012
Thomas Bernhard (Bild: ORF)
LITERATUR
Die Hassliebe Thomas Bernhards zu Salzburg
Heute vor 20 Jahren ist Thomas Bernhard in Gmunden gestorben. Eines seiner großen Themen als Schriftsteller war aber Salzburg - und die tiefe Hassliebe, die Bernhard mit der Stadt verband.
1975 in "Die Ursache" über Salzburg.
"Meine Heimatstadt ist eine Todeskrankheit"
In "Die Ursache" schrieb Bernhard 1975 über Salzburg: "Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit, in welche ihre Bewohner hineingeboren und hineingezogen werden, und gehen sie nicht in dem entscheidenden Zeitpunkt weg, machen sie direkt oder indirekt früher oder später unter allen diesen entsetzlichen Umständen entweder urplötzlich Selbstmord oder gehen direkt oder indirekt langsam und elendig auf diesem im Grund durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden zu Grunde."

Der Schriftsteller sagte damals im ORF-Interview: "Mit mir und Salzburg ist alles in Beziehung. Aber es kann nur eine Hassliebe sein, weil ich ein lebendiger Mensch bin. Anders ist es nicht möglich. Oder ich lasse mich einverleiben, tanze da mit und gebe mich vollkommen auf - baue Salzburg aus Papiermaschee und Zuckerguss auf und gebe mich auf. Das will ich nicht."
Die Salzach in der Stadt Salzburg (Bild: neumayr.cc)
"Rom, Kirche, Deutsch, Nazi"
Auch dass Salzburg als "Rom des Nordens" oder "Deutsche Rom" bezeichnet wird, faszinierte Thomas Bernhard besonders: "Das ist eine herrliche Bezeichnung, da ist alles drinnen - Rom, Kirche, Deutsch, Nazi, eine wunderbare Mischung."
Biograph Hans Höller über Thomas Bernhard.
"Grundwut" von Körper und Seele
Dieser Hass auf Salzburg wurzelt in der Biografie des sprachbesessenen Autors, sagt der Literaturwissenschafter und Bernhard-Biograph Hans Höller.

"Wenn man als uneheliches Kind besonders schutzlos den staatlichen Institutionen ausgesetzt ist, in einer Erziehungsanstalt, die von den Nationalsozialisten geführt wird - also von den Menschenvernichtern par excellence -, wenn diese Erziehungsanstalt nach 45 weitergeführt wird vom Katholizismus, dann bleibt eine Wut, die vor allem affektgesteuert ist, die vom Körper herkommen, wo Körper und Seele nicht mehr voneinander zu trennen sind. Darum gibt es bei Bernhard diese Grundwut."
Oft als "Nestbeschmutzer" beschimpft
Wegen seiner öffentlich vorgetragenen Wut auf Salzburg wurde der Schriftsteller hier aber über Jahre als "Nestbeschmutzer" beschimpft und zum Zentrum öffentlicher Kontroversen.

Noch 2005 sorgte eine Lesung aus einer Passage von "Die Ursache" für einen Eklat bei der Festveranstaltung zu 50 Jahre Staatsvertrag. Damals verließ die ÖVP-Spitze die Veranstaltung, weil sie sich an einem Vergleich von Jesus mit Hitler stieß.
Straße 1996 benannt.
Ehrungen nach dem Tod
Seit einigen Jahren wird aber auch Thomas Bernhards in Salzburg gedacht: Seit 1996 ist in der Scherzhauserfeldsiedlung in Salzburg-Lehen eine Straße nach dem Autor benannt - dieser Entschluss wurde erst nach langem Hin und Her gefasst.

Seit Februar 2001 ist am Landestheater eine Gedenktafel an den Schriftsteller angebracht. Immerhin wurden dort ja fünf seiner Dramen uraufgeführt - unter anderem "Der Theatermacher" und "Ritter, Dene, Voss".
"Bin eine lustige Person"
Keiner weiß, wie Bernhard wohl auf die Ehrungen im Hass-geliebten Salzburg reagiert hätte - vielleicht doch mit Humor: "Ich bin eine lustige Person, da kann man leider nichts daran ändern - so tragisch alles andere ist", sagte der Schriftsteller 1975.
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